Der Galgenberg bei Gellershausen

Fährt man von Gellershausen in Richtung Westhausen, liegt knapp vor der Linsenmühle an der linken Straßenseite der Galgenberg, 329,4 m hoch. Da auf dem oberen Teil des Hügels nur eine sehr dünne Mutterbodenschicht liegt, können darauf keine Bäume wachsen, nur Sträucher und Hecken. Aufgrund dieser Gegebenheiten kann man davon ausgehen, dass die obere Kuppe schon immer baumlos war.

Der Galgenberg ist und war aus allen Richtungen sehr gut sichtbar, schon im Mittelalter.

Da ich aus der Linsenmühle stamme, fragte ich meinen Großvater, den Müllermeister Leopold Schubarth, woher der Galgenberg seinen Namen habe. Er antwortete mir, aus der Überlieferung vorheriger Generationen wäre bekannt, dass auf diesem Berg ein Galgen gestanden hätte, an dem im Mittelalter zum Tode verurteilte Gewaltverbrecher gehängt worden seien. Die ortsansässigen Müller wären seinerzeit verpflichtet gewesen, das Material für die Galgen herzurichten und diese dann auch aufzustellen. Dass die Müller dafür herangezogen wurden lag daran, dass sie alle in ihrer Mühle anfallenden Reparaturen, die mit Holz zu tun hatten, selbst ausgeführt haben, um Geld und Kosten für Schreiner und Tischler zu sparen. So kann ich mich erinnern, dass auch in der Linsenmühle zu meiner Kinder- und Jugendzeit in der "Schnitzkammer" eine Hobelbank stand und alle notwendigen Werkzeuge für die Holzbearbeitung vorhanden waren. Diese Überlieferung klang daher einleuchtend.


Bei der Lektüre der Bad Rodacher Stadtchronik aus dem Jahre 2015 bin ich wieder auf diese Thematik aufmerksam geworden. Auf Seite 53 steht unter der Jahreszahl 1538 u. a.: "Die Müller des Gerichtsbezirkes Rodach folgen der Aufforderung, gemeinsam in Rodach einen neuen Galgen aufzustellen." Aus dem Jahre 1593 (Seite 59 der Bad Rodacher Stadtchronik) ist der "Rodacher Galgenstreit" überliefert. Wörtlich heißt es da: "Der Rodacher Galgen stand einst auf dem Galgenhügel an der Abzweigung der Heldburger Straße nach Gauerstadt. Er ist eingestürzt, weshalb die Müller des Rodacher Gerichtsbezirkes aufgefordert werden, ihn zu erneuern. Diese bestreiten jedoch heftig ihre alleinige Zuständigkeit und erklären: traditionell sei die Aufgabe der Müller nur das Zurichten der Balken, nicht aber der Holztransport und das Aufrichten. Dies sei schon immer die Aufgabe der Stadtbürger gewesen. Ein langwieriger Rechtsstreit entsteht, den die Müller schließlich verlieren."

Nun hat mich das Thema aus regionaler Sicht interessiert und ich konsultierte daraufhin Frau Inge Grohmann, die profundeste Kennerin unserer regionalen Heimatgeschichte. Da ihr Vater Wilhelm Both ebenfalls Müller war, kann sie Wesentliches dazu beisteuern. Aufgrund ihrer tiefgründigen Recherchen ist sie der Meinung, dass auf dem Galgenberg bei Gellershausen keine Galgen standen sowie Hinrichtungen stattfanden und stützt sich dabei u. a. auf die Amtsbeschreibung von Wilhelmi aus den Jahren 1665/1666 und Unterlagen aus dem Meininger Staatsarchiv. Nach ihrer Meinung waren "Todesstrafen durch Erhängen Sache des herrschaftlichen Hochgerichts und dafür gab es festgelegte Richtstätten, wie z. B. in Heldburg der Gerichtsberg. Anderen Ortes durfte das gar nicht sein." Das sind unwiderlegbare Aussagen.

Auf "Wikipedia" ist zum Thema Galgen und Hinrichtungen zu lesen: "Das Hängen gehört zu den ältesten Hinrichtungsarten. In früherer Zeit erfolgte die Tötung meist an Bäumen, wegen ihrer Stabilität oft an Eichen. In vielen Gegenden sind heute noch entsprechende Henker- oder Gerichtseichen bzw. -bäume bekannt... Seit der Regierungszeit Karls des Großen (747...814) finden sich in Mitteleuropa Galgen..." Und folgender Satz auf Wikipedia hat konkreten Bezug zu unserem Thema: "Alte Flurnamen wie "Galgenberg" oder "Hochgericht" erlauben Rückschlüsse auf frühere Standorte von Galgen... zur Abschreckung von etwaigem Diebesgesindel an stark frequentierten Straßen und Wegen."

Auf dem Galgenberg wurden von vor einigen Jahren von meinem Sohn und mir zwei Bänke aufgestellt. Von diesen kann man ganz entspannt auf Gellershausen, die Veste Heldburg und bis nach Heldburg schauen (siehe Panoramafoto) und über dieses Thema nachsinnen. Gab es vielleicht doch einen Galgen auf dem Galgenberg bei Gellershausen?

Nach dem Jahr 1665 (Wilhelmis Amtsbeschreibung von Heldburg) scheint das zumindest im Amt Heldburg nicht mehr der Fall gewesen zu sein und davor hüllt die Geschichte den Mantel des Schweigens darüber, wir wissen es (noch) nicht.

Bruno Schubarth, Gellershausen


Bild: Bruno Schubarth
 

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