Fahrkultur in der DDR - Busfahrt auf ostdeutsch (kleine Satire)

Die Fahrgastzahlen der Deutschen Reichsbahn und des VEB Kraftverkehr in der DDR lassen heute jeden Nahverkehrs-Ökonomen vor Neid erblassen. Vermutlich nutzten 95 % der DDR-Bevölkerung aus Mangel an anderen Transportmöglichkeiten öffentliche Verkehrsmittel, die man dann auch meist recht gut gefüllt vorfand.

Ebenso berühmt wie berüchtigt war die 16.45 Uhr-Linie – der sogenannte Arbeiterbus - der von der Kreisstadt aus Orte bis in über 30km Entfernung anfuhr, vollgestopft mit Berufs- und Wochenendpendlern oder aus anderen Gründen die Kreisstadt frequentierenden Personen.

Die reichlich vorhandenen Sitzplätze des 2-gliedrigen Ziehharmonikabusses ungarischen Fabrikats waren schnell belegt. Die übrigen Insassen genossen stehend und dicht gedrängt im Mittelgang die Fahrt. Jedoch harrten auf dem Gehsteig immer noch ca. zwei Dutzend Fahrgäste ihres Einstiegs. Der nachdrücklich lauten, wie unmissverständlichen Aufforderung des Busfahrers Herr Hippendünster „Bitte nach hinten aufrücken!“, war man ehrlich bestrebt nachzukommen. Man wollte ja schließlich nicht seinen Zorn auf sich ziehen. Doch die aufrichtigen Bemühungen der stehenden Fahrgäste scheiterten schlicht am Platzmangel. Ein kurzes, aber gezieltes Betätigen des Gaspedals seitens des Fahrers schaffte da wirkungsvoll Abhilfe. Es katapultierte nicht nur den Bus einige Meter nach vorne, sondern die Steher im Mittelgang um die gleiche Strecke nach hinten. Na bitte! Da ging doch noch was! Von wegen kein Platz! Mühelos fand jetzt auch noch der am Gehsteig wartende Pulk nebst diversen Kinderwägen, Koffern, Beuteln, Rucksäcken und Taschen im Bus einen Stehplatz. Nun, das hatte ja auch was: Man konnte ganz bequem die heraushängenden Nasenhaare des Nebenstehers zahlenmäßig erfassen.

Angeregte zwischenmenschliche Konversation des Herrn Hippendünster mit vorne stehenden Fahrgästen wurde den restlichen Insassen während der Fahrt durch unkontrolliert ausgeführte Schlangenlinien des Busses angezeigt. Was nicht weiter schlimm war, denn mit störendem Gegenverkehr war kaum zu rechnen.

Saisonal bedingt kam es auch hin und wieder vor, dass die monoton einschläfernde Fahrt auf offener Strecke abrupt durch ein schnittig ausgeführtes Bremsmanöver unterbrochen wurde. Dem unkundigen Fahrgast erschloss sich nicht sofort die Ursache für die kühne Vollbremsung. Doch kaum war der Bus zum Stehen gekommen, sprang Herr Hippendünster mit katzengleicher Geschmeidigkeit hinaus und hastete erregt in die nächstgelegene, grüne Wiese. Nach nur wenigen Minuten kehrte er freudestrahlend mit zwei nahrhaften Champignons an seinen Arbeitsplatz zurück. Die Fahrgäste zeigten sich gleichsam solidarisch wie verständnisvoll und freuten sich ebenso. Wen kümmerte da schon ein sich verschiebender Zeitplan? Das Abendbrot war gesichert und die Fahrt wurde unverzüglich fortgesetzt.

Mit der Zeit ließen mannigfaltige Ausdünstungen von dichtgedrängten Menschenleibern die Luft immer dicker und proportional dazu den Sauerstoffgehalt immer dünner werden. Eine kurze Auffrischung versprach da der unausweichliche Stopp an der Kontrollstelle des Sperrgebietes, welches im grenznahen Raum etabliert war und nur durch autorisierte Eingeborene betreten und befahren werden durfte. Eigens dafür hatte jeder Native einen privilegierenden Stempel im Personalausweis, der an der Kontrollstelle durch die Kollegen der Deutschen Volkspolizei vorschriftsmäßig geprüft wurde. Zum Zwecke der besseren Bewegungsfreiheit der grün gekleideten Genossen musste der Mittelgang im Bus freigeräumt werden und alle Steher hinaus in die ebenso grün anmutende Natur treten.

Dabei konnte jedoch aus naheliegenden Gründen keinerlei Rücksicht auf etwaige Witterungsunbilden genommen werden. Die Steher, die nun Außensteher waren, trotzten mit eisenbereifter Ignoranz strömendem Regen, dichtem Schneegestöber oder eisigen Windböen. Die Waghalsigsten unter ihnen schürten sich gar einen Glimmstängel an und verstanden es gekonnt, diesen in wenigen Minuten einzusaugen. Da sich nunmehr Temperatur und Sauerstoffgehalt des Fahrgastraumes denen der Außenluft angepasst hatten, sich parallel dazu die Passkontrolle dem Ende zuneigte, konnte zügig und komplikationslos mit dem Wiedereinstieg der Außensteher begonnen werden. Höchste Zeit, denn die Sitzer klapperten bereits in akustischem Gleichklang mit den Kauleisten.

Das mit der Durchlüftung des Busses entstandene Temperaturdefizit konnte nur mühsam und unter größter Anstrengung durch verstärkte Wärmeemissionen aller Fahrgäste angehoben werden. Dabei erschwerte das unnütze, wie lästige Anfahren diverser Bushaltestellen diese Bemühungen enorm, denn die großzügig geöffneten Türen beeinträchtigten die kraftzehrende Wärmeerzeugung durch die Insassen ungemein.

Der Rest der Fahrt verlief dann jedoch ohne weitere, nennenswerte Vorkommnisse. Die Reihen der Fahrgäste lichteten sich zunehmend, sodass man sich ca. 10 Minuten vor Ankunft im eigenen Heimatort noch unverhofft eines Sitzplatzes bemächtigen konnte. So genoss man in tiefer Demut so bescheiden wie dankbar den Rest der dreiviertelstündigen Fahrt und fuhr ausgeruht und entspannt dem Feierabend und dem Sonnenuntergang entgegen.

Das tapfere Schreiberlein
Claudia Amend
Lektorat, Ghostwriting, Schreibkeller        

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